Reproduction of Anni Albers’ and Gloria Finn Dale’s Untitled, 1959. 48 × 65 in. (122 × 165 cm). Herbert F. Johnson Museum of Art Cornell University (accession number 92.029). ©2017 The Josef and Anni Albers Foundation/VG Bildkunst, Bonn.
Reproduction of Anni Albers’ and Gloria Finn Dale’s Untitled, 1959. 48 × 65 in. (122 × 165 cm). Herbert F. Johnson Museum of Art Cornell University (accession number 92.029). ©2017 The Josef and Anni Albers Foundation/VG Bildkunst, Bonn.

Verschlungen – so lässt sich das Muster des Wandbehangs charakterisieren, der nach einem Entwurf von Anni Albers 1959 von Gloria Finn Dale geknüpft wurde. Doch nicht nur das Motiv, welches die Vielfalt und gleichzeitige Verbundenheit der Ideen von einem Europa zu illustrieren vermag, repräsentiert unser Forschungsobjekt. Auch die Fragen, die mit der Technik dieser Arbeit sowie deren Funktion in den kunsttheoretischen Diskussionen über das Bild und dessen Traditionen verbunden sind, umreißen den Horizont unserer Fragestellungen genauso wie die Überlegungen, ob und auf welche Weise die europäische Herkunft der beiden Künstlerinnen in dieses Werk Eingang gefunden haben.

 

            Im Forschungsprojekt dient Anni Albers als ein Beispiel für die Komplexität des Themas. Zunächst als Schülerin, später in Vertretung der Meisterstelle arbeitete sie von 1922 bis zur endgültigen Schließung 1933 in der Weberei-Werkstatt am Bauhaus. Die dort zirkulierenden Ideen einer sowohl sozial als auch regional Grenzen überschreitenden Kunst verfolgte sie in ihrem Exil in den USA weiter, wo sie inspiriert durch Reisen nach Mittel- und Südamerika ihre Kenntnisse der textilen Techniken erweiterte und in das Konzept einer Universalkunst einfließen ließ. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Josef Albers gab Anni Albers beim Unterrichten u.a. am Black Mountain College, North Carolina die kulturelle Neugierde und Experimentieroffenheit weiter, mit der sie in Europa aufgewachsen war und die sie am Bauhaus hatte festigen können. In ihren Publikationen On Weaving und On Designing hat sie programmatische Eindrücke und Überlegungen schriftlich festgehalten. Anni Albers ist die Vertreterin einer offenen europäischen Kultur, die in den 1930er Jahren in Europa selbst zunehmend Beschränkungen erfuhr und die an anderen Orten weiterleben und sich weiterentwickeln konnte.

 

            Im Œuvre der Künstlerin stellt Untitled (Rug) als geknüpfter Teppich eine eher untypische Arbeit dar, die jedoch zugleich Albers Interesse charakterisiert, die Möglichkeiten textilen Gestaltens als Flächendekoration breit austesten zu wollen. So kam es in den 1950er Jahren zur Zusammenarbeit mit der Engländerin Gloria Finn Dale, die in ihrer Werkstatt in Washington D.C. diesen Wandbehang gefertigt hat. Wie bei der Weberei wird beim Knüpfen auf eine Kette gearbeitet, jedoch werden hier kurze Fäden mit einer speziellen Nadel gleichförmig um den Faden der Kette geknotet. Die fertige, aus vielen einzelnen Fäden bestehende Reihe wird dann durch meist zwei Schussfäden stabilisiert und am Ende zu einem einheitlichen Flor homogenisiert. Anders als bei den sog. Orientteppichen, mit denen diese Technik zunächst nach Europa gebracht worden war und dort Jahrhunderte später von Albers und Finn Dale in je eigenen Kontext hatte studiert werden können, ist der Flor bei Untitled (Rug) relativ hoch gehalten. Der visuelle Eindruck des Ornaments gerät dadurch mit dem Lichteinfall in Bewegung und changiert; die spezielle Färbung der Wolle, mit der dieser Wandbehang geknüpft wurde, trägt auf ihre Weise zur Wirkung der Arbeit bei.

            In den späten 1940er und den 1950er Jahren wurden Textilarbeiten dieser Art als künstlerische Ausdrucksform diskutiert, mit der man unhierarchisch und kulturübergreifend eine universell gültige Kunst schaffen wollte. Zeitgenossen wie Le Corbusier, der in diesen Jahren selbst Wandteppiche webte, klassifizierte sie als genuin typisch für die Kultur der Nachkriegszeit. Für ihn symbolisierten sie nicht nur den Wunsch, sich in die vielfältigen Traditionen der Zivilisationsgeschichte einschreiben zu wollen. Mit ganz praktischer Perspektive bewertete er sie als geeignet für die Anforderungen der Zeit, sich transportabel den verschiedensten Umgebungen und Aufgaben flexibel anpassen zu können.

 

Barbara Lange und Elisabeth Weiß