EUROPA NEU DENKEN. KUNSTPRODUKTION UND KUNSTDISKURS IN DEN SPÄTEN 1940ER UND 1950ER JAHREN.


Konzept: Arnold Bartetzky, Marina Dmitrieva, Barbara Lange und Tanja Zimmermann


‚Schatten von Jalta’ hat Piotr Piotrowski die Auswirkungen genannt, die die politische Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa für den Kunstbetrieb bedeutete: Neue Staatsgrenzen, verschiedene politische Systeme mit instabilen Allianzen und immer wieder wechselnde Vorstellungen, wie Kunst bei der Befriedung der Region und deren Neugestaltung mitwirken sollte, prägten nach 1945 die Handlungsräume von Künstlerinnen und Künstlern nachhaltig. Allerdings verhielten sich diese keineswegs nur reaktiv. Vielmehr beteiligten sie sich mit den Mitteln der Kunst aktiv am Wiederaufbau, kritisierten politische Entscheidungen und handelten auf diese Weise mit aus, was „Europa“, was „europäische Kultur“ und was „Nation“ eigentlich ausmachen sollte.

Die Debatten der letzten Jahre haben gezeigt, dass eine Kartographie der Nachkriegskunst weder allein nach politischen noch nach stilistischen Kriterien sinnvoll ist, da sie Gefahr läuft, die ideologischen Muster des Kalten Krieges fortzuschreiben und der verflochtenen Vielfalt in keiner Weise gerecht werden kann. Unsere Tagung greift diese Diskussionen auf und fragt, wie unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen eine Betrachtungsperspektive für die späten 1940er und die 1950er Jahre entwickelt werden kann, die die spezifischen Eigenarten von Europa in der Welt adäquat abbildet. In vier Sektionen soll sich dieser Aufgabenstellung angenähert werden.

1. Traditionen und Innovationen

Der Wiederaufbau des zerstörten Kontinents und die Auseinandersetzungen mit den Wunden, die Faschismus, Genozid, Verhetzungen und der Krieg, aber auch der Sowjetkommunismus hinterlassen hatten, erfolgte mit der keineswegs eindeutigen Gewissheit, in einer zivilisatorischen Tradition verankert zu sein, die es zu restituieren galt. Im Einklang mit Konzepten der Moderne sollte dabei Kunst dazu beitragen, eine zukünftig friedliche Gesellschaft zu errichten, die ihr technologisches Wissen zum Wohl der Menschheit einsetzt. Die politischen Differenzen störten dieses Ideal allerdings nachhaltig und führten zur Ausbildung kontroverser Narrative. Wir problematisieren in dieser Sektion die verschiedenen Lesarten, die sich herausbildeten, und fragen zugleich nach den Möglichkeiten, die man in der Kunst damals nutzte, um diese Dispositionen etwa durch Experimentieren mit Medien und Materialien produktiv werden zu lassen. Wir fragen auch nach dem Umgang mit dem Erbe der jüdischen Kultur und den Mechanismen im Umgang mit kolonialem Erbe.

2.  Formfragen

Bei der Reorganisation des Kunstbetriebs wurden kunsttheoretische und medienkritische Kontroversen aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts aufgegriffen, die sich zentral um die Fragen nach individueller Freiheit im Verhältnis zur Gesellschaft und der Rolle von Kunst drehten. Je nach politischem System hatte man nach 1945 dabei unterschiedliche Ziele vor Augen sowie unterschiedliche Möglichkeiten, diese zu debattieren und umzusetzen. Trotz dieser Differenzen ist überall die Verbindung von utopischer Zukunft einerseits mit Versicherung in einer Harmonie stiftenden Vergangenheit andererseits auffällig, die sich etwa in Bezugnahmen auf Volkskunst, in einer Konzentration auf als basal verstandene Materialien oder in Experimenten bei der Ausführung ausdrückt. Mit der Fokussierung auf diese Phänomene wollen wir in dieser Sektion die Debatte um die ideologisch überformten Mimesiskonzepte weiten und diskutieren, welche Rolle Kunst- und Kulturgeschichte(n) bei der Aushandlung von Formfragen spielten.

3. Verflechtungen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Neuordnung Europas eröffneten nicht nur Möglichkeiten für Annäherungen. Sie kappten auch Verbindungen, die über lange Zeit gewachsen waren, und zwangen dazu, für den künstlerischen Austausch neue Wege finden zu müssen. Hinzu kamen die Konsequenzen von Vertreibungen und Flucht aus der Zeit vor und nach 1945 und das Ende von Kolonialbeziehungen. Sie alle verliehen auf ihre Weise den Verflechtungen Europas mit anderen Regionen der Welt eine eigene Dynamik und erschweren die Antwort auf die Frage nach einer europäischen Identität. In dieser Sektion wird mit Konzentration auf Kontakte, Reisen, Informationsmedien, Gruppenbildungen und Ausstellungsaktivitäten der Frage nachgegangen, wie nach Kriegsende im Kunstbetrieb Europas in den 1940er und den 1950er Jahren Austausch fortgeführt, geknüpft und gepflegt wurde und sich so jenseits staatlich-territorialer Ordnung ein Netz kultureller und künstlerischer Verflechtungen etablierte.

4. Impulse und Perspektiven für die Forschung

Die Neuperspektivierung von Kunst der Nachkriegszeit in Europa ist in die derzeit aktuellen Identitätsdebatten eingebunden, mit denen zugleich Maßgaben für Erinnerungs- und Grenzpolitiken diskutiert werden. Mit Blick auf anstehende Sachforschungen und Theoriebildungen werden in dieser Sektion sowohl Debatten zur Erinnerungskultur reflektiert als auch mögliche Modelle diskutiert, die für eine Aufarbeitung der Kunst nach dem Krieg hilfreich sein können.