Das Projekt

Das von der DFG geförderte Forschungsprojekt „Europa nach dem Krieg – Die Potenziale der Kunst in den späten 1940er und den 1950er Jahren“ nimmt eine Neuperspektivierung vor: Mit der Fokussierung auf die kunstspezifischen Ausdrucksmöglichkeiten wird die Frage nach der Rolle von Kunst bei der Formierung der europäischen Nachkriegsordnung gestellt. Statt den Mustern einer bis heute nachwirkenden Kunstgeschichte des Kalten Krieges zu folgen, erkennt die Untersuchung Kunst als maßgebliche Verhandlungsinstanz an, die an den Dynamiken zur Gestaltung der neuen kulturellen wie politischen Räume auf eine ihr eigene Weise aktiv beteiligt war. Um dies auch unter Berücksichtigung der verschiedenen politischen Systeme, die sich in Europa nach dem Krieg etablierten, herausarbeiten zu können, bilden die drei ästhetischen Aspekte Material, Form und Medium den Rahmen der Analyse.

 

Anhand von Debatten und Praktiken der Nachkriegszeit wird anhand dieser drei Themenfelder gezeigt, wie (noch) nicht Sagbares, Kontroverses oder gar Disparates durch die Kunst zur Anschauung gebracht und verhandelt wurde:

Im Forschungsfeld "Material und Verfahren: Experiment + Tradition" werden anhand von Ton/Töpferei und Fäden/Weberei Konzepte von Universalismus vorgestellt, mit denen Künstlerinnen und Künstler wie Asger Jorn und Anni Albers - der eine ein Grenzgänger in Europa, die andere eine am Bauhaus ausgebildete, 1933 in die USA vertriebene Kosmopolitin - anstrebten, Europa in die Zivilisationsgeschichte zu reintegrieren.

Im Forschungsfeld "Form: Figuration und Abstraktion" werden zwei Positionen in den Blick genommen, die mit den bildhauerischen Werken der Britinnen Betty Rea und Barbara Hepworth auf augenscheinlich unterschiedliche Weise Realität verbildlichen. Nicht den vieldiskutierten Differenzen dieser Modi gilt unser Interesse, sondern den verborgenen Gemeinsamkeiten, die mit ihren latenten Strukturen Spezifika von Europa beschreiben.

Im Forschungsfeld "Medium: Dynamiken von Bedeutungen im Fotobuch" wird anhand einer auf der Schnittstelle zu den Massenmedien angesiedelten künstlerischen Publikationsform die Rolle von visuellen Traditionen diskutiert. Hierfür bilden das fotografische Werk sowie die Schriften des Niederländers Martien Coppens den Ausgang. 

 

Die Untersuchung versteht sich als Beitrag zu Entwicklung einer horizontalen Kunstgeschichte,  die Europa nicht als verbindlichen Maßstab begreift, jedoch die historische Relevanz dieser Region hinsichtlich Kunst anerkennt. Die Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen, die für die Kunstgeschichte Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa spezialisiert sind und ihre Kompetenzen einbringen, ist wichtiger Bestandteil unseres Projektes.